Rebsorte Spätburgunder: Die romantische Verführerin im Glas

Rebsorte Spätburgunder
m4gie/Pixabay

Schau, da vorne geht sie. Sie trägt ein schwarzes Abendkleid mit verspielten Details. Der Saum ihres Kleids umspielt ihre wohlgeformten Beine; ihr Gang ist leicht, der Kopf gehoben und der Blick ist in die Ferne gerichtet. Ihr Lachen ist spielerisch und doch wirkt sie ein wenig entrückt von dieser Welt. Wo sie vorbeiläuft, drehen sich wie automatisch die Köpfe nach ihr um. Darf ich vorstellen? Die romantische Verführerin im Glas: die Rebsorte Spätburgunder.

Das Wesen des Spätburgunders

 

Sebastian ist Kellermeister und ein Freund von mir aus Studienzeiten. Er beschreibt das Wesen eines gelungenen Spätburgunderweins als „Ein bisschen da, ein bisschen nicht da“. Ich finde das eine herrliche Beschreibung.

Sie verdeutlicht, welch eine Kunst es ist, die Komplexität der Spätburgunder-Traube im Wein einzufangen. Denn sie ist schwer zu greifen, die wunderschöne Verführerin.

Deutscher Spätburgunder

 

Spätburgunder ist in Deutschland die rote Rebsorte mit der größten Anbaufläche und sie erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Schon in den 1980er Jahren hat sie sich an erster Stelle unter den Rotweinsorten platziert und führt jetzt mit über elftausend Hektar Rebfläche das Feld an.

Das entspricht 11,5 % der deutschen Rebfläche (Quelle: Das Deutsche Weininstitut). Und das ist richtig viel, denn in Deutschland beträgt der Anteil der roten Rebsorten flächenmäßig nur 35,1 %!

Unglaubliche Vielfalt innerhalb der Rebsorte

 

Hattest du schon mal die Gelegenheit durch ein Kaleidoskop zu schauen? Ich meine diese Art Fernrohr, in denen sich Perlen oder andere kleine Gegenstände spiegeln. Wenn du hindurchschaust, siehst du ein buntes Muster. Drehst du das Kaleidoskop, dann entsteht durch die Bewegung ein neues Muster, neue Farbkombinationen, neues… ALLES. Und das, obwohl du eigentlich ein und dieselben Formen siehst. Mit den Positionen und durch die Spiegelung ändert sich das komplette Bild.

 

So kannst du dir das beim Spätburgunder vorstellen, denn es gibt wenige Rebsorten, deren Weine so vielfältig sind, wie die des Spätburgunders.
Das Muster des Kaleidoskop steht stellvertretend für den späteren Wein. Das, was die Position der Formen verändert, sind beispielsweise unterschiedliche Jahrgänge, das Klima, die Bewirtschaftung des Weinbergs, der Lesezeitpunkt oder der Spätburgunder-Klon. Unter Klonen versteht man in der Winzersprache bestimmte Spielarten innerhalb einer Rebsorte.

 

Im Rahmen meiner Forschungsarbeit habe ich mehrere Jahre an einem Projekt mitgearbeitet, in dem wir alte Spielarten von Riesling- und Spätburgunderreben in deutschen Weinbergen aufgespürt haben, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass die Rebsorten der Burgunderfamilie sehr viele Spielarten haben. Dennoch hat es mich sehr beeindruckt, WIE unterschiedlich sie sein können.
Die Unterschiede zeigen sich beispielsweise im Wuchs, der Beerengröße, der Größe der Trauben und somit dem Ertragspotential, oder der Architektur des Traubengerüsts (sehr kompakt zu lockerbeerig, viele Verzweigungen, Schultern etc.).

All diese Dinge beeinflussen den späteren Wein. Um mit meinem Bild zu sprechen: das Muster des Kaleidoskop.

Ein „typischer“ Spätburgunder

 

Ich brauche dich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu überzeugen, dass Spätburgunder nicht gleich Spätburgunder ist. Sowieso unterschieden sich unterschiedliche Weine aus denselben Rebsorten grundsätzlich. Ein Spätburgunder aus dem Anbaugebiet Ahr hat einen ganz anderen Charakter als ein Spätburgunder aus Baden.

Und doch gibt es einiges, was typisch für Wein aus Spätburgundertrauben ist. Rebsorten haben eine sogenannte Sorten-Typizität. Also Aromen, die bereits in den Beeren entstehen und im Wein hervortreten. Für Spätburgunder typisch sind Aromen, die nach Erdbeeren, Waldfrüchten, Nelken und Zimt schmecken.

 

In anderen Ländern wird Spätburgunder auch Pinot noir oder Pinot nero: Der schwarze Pinot. Er hat noch einen „grauen“ und einen „weißen“ Bruder – auch bekannt als Grauburgunder (Pinot gris/grigio) und Weißburgunder (Pinot blanc/bianco).
Die korrekte deutsche Bezeichnung ist Blauer Spätburgunder. Das Namensteil „Spät“ hat er sich durch seinen späten Lesezeitpunkt verdient. Spätburgunder ist eine der Rebsorten, deren Trauben in deutschen Weinbergen mit am längsten reifen. Durch die lange Reifezeit wird die Säure in den Beeren erst spät abgebaut und somit haben die Weine einen eher höheren Säuregehalt.

Spätburgunder-Weine sind fein und filigran. Etwas verspielt. Genau wie Sebastian es beschreibt: „Ein bisschen da, ein bisschen nicht da“. In meinem Beratungssystem der Wein-Geschmackstypen gehört der Spätburgunder zum Romantischen Typ. Wenn du mehr über deinen eigenen Wein-Geschmackstyp erfahren möchtest, dann schau doch mal hier.

Fazit

 

Spätburgunder ist seit vielen Jahren die rote Rebsorte mit der größten Anbaufläche in Deutschland. Ein „typischer“ Spätburgunder ist ein verspielter, feiner Wein mit einer gewissen Säure und Aromen, die nach roten Früchten, Nelke und Zimt schmecken.

Es gibt wenige Rebsorten, deren Weine so vielfältig sind, wie die des Spätburgunders. Unterschiedliches Klima und verschiedene Jahrgänge beeinflussen die Weine, ebenso wie Anbauweise und Klone (Spielarten innerhalb der Rebsorte).

 

Diese Vielseitigkeit ist natürlich wunderbar. Und sie birgt eine gute Nachricht für dich: Die natürliche Variation innerhalb der Rebsorte lädt zum Ausprobieren ein :)

Welche Erfahrung hast du mit Spätburgunder-Weinen? Gehört Spätburgunder zu deinen Favoriten? Teile deine Gedanken mit uns in den Kommentaren!

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Inge (Freitag, 06 Oktober 2017 16:21)

    Liebe Elske, schöner Artikel. Informativ ohne mich als Laie zu überfordern. Weiter so!

  • #2

    Elske Schönhals (Samstag, 07 Oktober 2017 09:56)

    Liebe Inge, vielen Dank :)

  • #3

    Gertie (Samstag, 07 Oktober 2017 17:10)

    Liebe Elke sehr informativ,ich trinke gerne mal ein Wein �. Leider habe ich Problem damit dass Wein mir schnell auf der Magen schlägt . Du schreibst sehr gut und es kommt selten vor dass ich ein Artikel was mir nicht so sehr interessiert,doch noch zu Ende lese. Freue mich mehr von dir zu lesen. Liebe Grüße Gertie

  • #4

    Elske Schönhals (Montag, 09 Oktober 2017 09:33)

    Liebe Gertie, danke für das Kompliment. Wenn dir Wein leicht auf den Magen schlägt, dann versuche es doch mal mit einem Weißwein, der eine milde (also eher wenig) Säure und nicht so viel Alkohol hat. Gut ist beispielsweise ein leichterer Müller-Thurgau, der auch unter dem Namen Rivaner verkauft wird, oder - bei den Rotweinen die Rebsorte Dornfelder.
    Viel Freude beim Experimentieren, Elske