Der ultimative Wein für Abenteurer: Naturwein

Titelbild Naturwein
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Die Weinwelt… unendliche Weiten! Auf deiner Suche nach deinem ganz persönlichen Weingeschmack erforschst du neue und faszinierende Geschmackswelten. Eine dieser Geschmackswelten ist die Welt der Naturweine. Ein Naturwein schmeckt so ganz anders als die Weine, die man sonst kennt. Packe dein Weinglas ein und komm mit mir auf Entdecker-Tour!

„Naturwein?“ Ich wunderte mich, als ich den Begriff zum ersten Mal hörte. Was könnte diesen Wein wohl von anderem Wein unterscheiden. Beim Öffnen einer beliebigen Weinflasche erwarte ich schließlich ein Naturprodukt. Die Trauben wachsen und reifen im Weinberg. Dann werden sie geerntet und der Most vergoren.

 

Woher kommt also die Extra-Portion „Natur“ im Naturwein?

Naturwein ist ein „begleiteter Wein“

 

Viele Winzer streben immer stärker auf die Ursprünglichkeit von Wein zu. Thorsten Melsheimer, ein Ökowinzer von der Mosel, hat in unserem Interview sehr schön beschrieben, dass er inzwischen möglichst wenig in den Wein-Entstehungsprozess eingreift und konsequent auf die natürlichen Prozesse setzt.

 

Weine werden nicht mehr gemacht, sondern in ihrer Entstehung begleitet.

 

Wenn man das konsequent tut, dann entsteht ein Naturwein: Ein Wein, dessen Trauben schonend gepresst werden und dessen Most dann nur noch begleitet wird. Das heißt, der Most vergärt „spontan“ zu Wein, mit den natürlich vorkommenden Hefen, die ihm zur Verfügung stehen. Nach der Gärung bleibt der junge Wein auf der Feinhefe liegen und wird unfiltriert abgefüllt. Es wird kein Schwefeldioxid als Anti-Oxidationsmittel zugesetzt und somit sind die Weine „ungeschwefelt“. Weiter unten gehe ich etwas detaillierter auf den Zusatz von Schwefel im Wein ein.

 

Man könnte sagen, Naturwein ist die „Old School“ Methode der Weinherstellung. Liebhaber schwärmen von der Ursprünglichkeit der Weine.

Naturwein versus „herkömmlich“ hergestellter Wein

 

Heute schmecken uns im allgemeinen Weine, die sehr reintönig und fruchtig sind. Die Vergärung von Weinen bei kühlen Temperaturen – auch Kaltgärung genannt – und mit industriell produzierten Weinhefen ist inzwischen der Standard.

 

Dieses Vorgehen hat viele Vorteile, unter anderem kann die Gefahr von Fehlaromen, das sind unangenehme Weinaromen, drastisch reduziert werden. Da die industriell vermehrten Weinhefen auch bei höheren Alkoholgehalten im Wein noch leistungsfähig sind, ist die Chance, dass der Wein in der Gärung „hängenbleibt“ und nicht zu Ende vergärt, relativ gering.

 

Kritiker sagen, die Weine büßen dadurch an Komplexität und Lebendigkeit ein.

 

Nach der Gärung bekommen die Weine einen Oxidationsschutz. Oxidation ist das, was einen Apfel braun werden lässt. Wie du weißt, ändern sich dadurch auch die Aromen des Apfels. Um dies im Wein zu verhindern wird dem Wein Schwefeldioxid zugesetzt, damit die typischen Weinaromen erhalten bleiben.


Wissen für Ambitionierte

Die Bedeutung von Schwefel im Wein

 

 Um Wein haltbar zu machen und ihn vor Oxidation zu schützen wird ihm Schwefeldioxid – auch schwefelige Säure genannt – zugesetzt.

Der Oxidationsschutz entsteht durch die freie schwefelige Säure, die den Sauerstoff im Wein bindet und dadurch außer Gefecht setzt. Der Wein bleibt länger frisch und die typischen Aromen aus der Gärung bleiben im Wein erhalten. Zusätzlich können sich keine Mikroorganismen entwickeln.

 

Besonders restsüße Weine, bei denen der Zucker aus den Trauben nicht komplett zu Alkohol vergoren wurde, könnten mit einer zweiten Gärung beginnen. Mal abgesehen davon, dass das höchst unerwünscht ist, würde gasförmiges CO2 produziert und die Korken würden in alle Richtungen davonfliegen.

 

  

Sobald der Wein im Glas ist, beginnt er sich zu entwickeln und zu entfalten. Sauerstoff kommt an den Wein. Der verbliebene freie Schwefel bindet den Sauerstoff. Dadurch oxidiert der Wein auch im Glas nicht sofort und behält auch seinen typischen Geschmack.



Naturwein hingegen bleibt ungeschwefelt, was meines Erachtens auch den größten Unterschied zu „herkömmlichen“ Weinen ausmacht.

 

Zur besseren Verständlichkeit habe ich die Weinbereitung sehr polarisiert dargestellt. Es gibt zwar nur eine Art von der Traube zum Wein zu kommen: die Vergärung. Allerdings ist die Vorgehensweise dabei unendlich facettenreich und ich kenne sehr viele Weingüter, die sich zwischen den Extremen angesiedelt haben. Wenn du deinen Wein direkt beim Winzer kaufst, hast du die Gelegenheit nachzufragen und einen persönlichen Einblick in die Philosophie des Weinguts zu bekommen.

 

Aber zurück zum Naturwein. Wie Naturwein entsteht habe ich ja bereits beschrieben. Da stellt sich für mich die Frage aller Fragen: Unterscheidet er sich denn im Geschmack?

Der Geschmack von Naturwein ist außergewöhnlich

 

Naturwein bleibt ungeschwefelt. Dadurch hat er eine Aromastruktur, die sich sehr von herkömmlichem Wein unterscheidet.

 

Gerade bei Weißweinen führt das zu ungewöhnlichen Weinen. Die Aromen sind nicht die typischen Weinaromen. Klassischer Weißwein wird reduktiv ausgebaut. Das heißt, die Verarbeitung der Trauben und des Weines geschieht soweit wie möglich unter Ausschluss von Sauerstoff. Deswegen werden die Trauben zügig verarbeitet und der Most so schonend wie möglich (ohne „plätschern“) gepumpt.

 

Nach der Gärung wird der Wein von der – zum Fassboden gesunkenen – Hefe abgezogen und lagert mit der verbliebenen Feinhefe im Fass. Diese Hefezellen sind noch ein wenig aktiv und bilden einen natürlichen Oxidationsschutz durch das Gas Kohlensäure, das sie absondern. Dieses Gas ist schwerer als die Umgebungsluft und legt sich wie eine Schutzdecke über den Wein.

 

Diese natürliche Schutzfunktion macht man sich bei Naturweinen zunutze, denn indem sie unfiltriert abgefüllt werden haben sie einen kleinen Oxidationsschutz in der Flasche. Nachdem der Wein in die Freiheit des Glases entlassen wird, entwickelt sich seine Aromatik dort allerdings viel schneller als ein Wein, der geschwefelt wurde.

 

Die roten Naturweine schmecken gar nicht so anders als ihre klassisch hergestellten Brüder und Schwestern. Die Gerbstoffe und die roten Farbmoleküle im Wein können relativ viel Sauerstoff einbinden und „unschädlich“ machen. Auch bei der klassischen Rotweinbereitung wird viel mit Luftsauerstoff gearbeitet. Das langsame Einbringen von Sauerstoff in den Wein ist sogar höchst erwünscht, beispielsweise durch die Lagerung im Barriquefass, einem kleinen Eichenholzfass. Daher ist die Naturwein-Branche ziemlich auf Weißweine ausgerichtet.

 

Wenn dein Wein-Geschmackstyp der Abenteuerliche Typ ist, dann kann ich dir Naturwein als neues Abenteuer sehr empfehlen. Zum Beispiel Scheurebe „pure“ vom Weingut Brüder Dr. Becker, der auch zum Romantischen Typ passt. Kennst deinen Wein-Geschmackstyp noch nicht? Hier entlang!.

Naturwein: Trend oder Parallel-Welt?

 

Beim Weinsalon Natürel, der Kölner Naturweinmesse, habe ich überraschend viele Menschen getroffen, denen Wein bisher nie geschmeckt hat, die aber total auf Naturwein abfahren.

 

Es gibt auch Winzer, wie beispielsweise Stefan Vetter aus Franken, die ausschließlich Naturwein herstellen. „Naturwein, sonst nichts“, sagte er mir. Das hat mich wirklich sehr beeindruckt – wie immer, wenn jemand ohne Kompromisse seinen Weg geht.

 

Einen kompletten Tag lang habe ich nur Naturweine getrunken. Die Prowein, die am nächsten Tag anfing, war erst mal eine Herausforderung. Ich merkte, dass ich mich geschmacklich wieder total umstellen musste. Die ersten „klassischen“ Weine schmeckten so fruchtig, so „clean“ und fast ein wenig unecht.

 

Obwohl sich das schnell legte, war es eine höchst interessante Erfahrung. Es war, als hätte ich am Tag zuvor einen Einblick in eine völlig andere Weinwelt bekommen.

Fazit

 

Naturweine sind begleitete Weine. Sie vergären mit den natürlich vorkommenden Hefen und bleiben ungeschwefelt. Die Weine schmecken ganz anders als die herkömmlichen Weine.

 

Naturwein ist ein spannender Trend und gleichzeitig eine Art Parallel-Universum zur klassischen Weinwelt. Viele Winzer probieren es aus, Naturweine herzustellen und experimentieren. Doch es deutet sich an, dass Naturwein eine komplett eigenständige Weinwelt werden könnte.

 

Wenn du Lust auf ein geschmackliches Abenteuer hast, dann leiste dir bei nächster Gelegenheit unbedingt einen Naturwein!

Auf welche Wein-Abenteuer hättest du Lust, wenn es nichts gäbe, dass dich aufhalten könnte? Schreib mir jetzt in den Kommentaren!

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Kommentare: 4
  • #1

    Gitta W (Donnerstag, 19 Oktober 2017 15:47)

    Liebe Elske wieder ein sehr gelungener Beitrag oder es könnte schon fast eine "Vorlesung" über die Entstehung des Weines oder Naturweines sein. Sehr informativ und fesselnd. Jeder Weinliebhaber sollte deinen Blog lesen. Die Hochachtung vor den Winzern steigt ständig. Ich selbst trinke nur noch, wie du sicher weißt, Bio Wein. Mit großem Genuß wenn auch nicht häufig. Doch jedesmal nach dem Lesen deines Blog steigt der Respekt vor der Weinherstellung. Im Freundeskreis, die auch den Blog lesen, oder Weingüter mit fachlicher Führung besichtigt haben, stelle ich dies auch fest. Weiter so. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Blog.

  • #2

    Elske Schönhals (Donnerstag, 19 Oktober 2017 17:50)

    Liebe Gitta, wie schön, dass du Freude am Entdecken hast und vielen Dank für das Kompliment! Viele Grüße, Elske

  • #3

    Annetje (Samstag, 21 Oktober 2017 21:33)

    Hallo Elske, auch dieser Beitrag liest sich wieder so angenehm, wie mir der Schluck eines leckeren Weines die Kehle herunter gleitet. Er is wohltuend, einladend und spannend, dies schmeckt nach mehr!
    Herzlichen Dank für die Erläuterungen!

  • #4

    Elske Schönhals (Montag, 23 Oktober 2017 08:58)

    Hallo Annetje, das erfreut mein Weintrinker- und Autorinnen-Herz :) Danke für das Kompliment, Elske