Veganer Wein: Ist das Kunst oder kann der weg?

Veganer Wein: Ist das Kusnt oder kann der weg?
kaz/Pixabay

So, da steht er vor dir: Der Wein, den du dir für heute Abend ausgesucht hast. Du siehst, dass auf dem Etikett „Vegan“ steht. Hmmm… Bist du Veganer? Oder war das unbeabsichtigt? Du fragst dich: „Schmeckt der überhaupt?“ Ganz nach dem Motto: „Ist das Kunst oder kann der weg?“

Falls du kein Veganer bist, dann schwirren dir jetzt wahrscheinlich Dinge durch den Kopf wie „Ei-Ersatz“, „Tofu“ oder „Sojamilch“. Aber was hat Wein damit zu tun? Ist der nicht sowieso vegan? Wein wird doch aus Trauben hergestellt! Das ist doch rein pflanzlich! Oder etwa nicht?

Machen wir uns auf den Weg, das gemeinsam zu erforschen. Komm mit!

Was bedeutet es, vegan zu leben?

 

Menschen, die vegan leben, versuchen „soweit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden (...).“ (Quelle: hier und hier). Auf Lebensmittel bezogen, verzichten sie beispielsweise auf Fleisch, Fisch, Milch, Gelatine oder Eier – kurz gesagt: alles, was irgendwie tierischen Ursprungs ist.

Aha! Aber jetzt noch mal zu meiner Frage:

Was genau ist denn NICHT vegan an Wein?

 

Zuerst einmal zu deiner Beruhigung: Wein wird aus Trauben hergestellt. Also aus 100 % veganem Ausgangsmaterial – wenn man mal vom ein oder anderen Insekt im Lesegut absieht.

Während der Traubenverarbeitung entstehen Trubstoffe. Das sind kleinste Stückchen Fruchtfleisch, die den Most trübe machen. Sie sorgen auch häufig für einen bitteren Geschmack, besonders bei längerer Lagerung (Schneider, Der Winzer, 03/2006, 6-10).
In der Rotweinherstellung spielen die traubeneigenen Gerbstoffe eine wichtige Rolle. Sie geben dem Wein Struktur, können jedoch auch dazu führen, dass der Wein sich auf der Zunge sehr trocken und adstringent anfühlt.

Um Trubstoffe oder Gerbstoffe im Most und Wein zu binden, können Eiweiße eingesetzt werden. Das sind sogenannte Schönungsmittel. Die Eiweiße, die verwendet werden, sind traditionell aus tierischem Ursprung. Dazu gehören beispielsweise Speisegelatine, Hausenblase (Schwimmblase von Fischen), Milcheiweiß oder Eiklar.

Wenn du gerne Milchkaffee trinkst, dann „schönst“ du auch deinen Kaffee. Die Eiweiße aus der Milch binden einen Teil der Bitterstoffe und machen den Kaffee „gefälliger“. Das nennt man eine Eiweiß-Gerbstoff-Reaktion. Den gleichen Effekt gibt es auch beim Wein.

Du merkst: ich bin keine Veganerin – aber vegane Weine sind ja nicht ausschließlich für Veganer ;)

Was machen die Winzer anders bei veganem Wein? Gibt es Alternativen zu tierischen Eiweißstoffen?

 

Vegane Produkte erfordern – aber ermöglichen auch – ein Umdenken. Das Geheimnis heißt: „Trauben schonen statt schönen“.
Durch schonendere Traubenverarbeitung entstehen weniger Trubstoffe und somit ein geringerer Bedarf, diese wieder zu entfernen. Das Lesegut wird hierbei beispielsweise nur leicht gemaischt (das heißt: gequetscht). Weiße Trauben können auch als ganze Trauben gepresst werden und insgesamt wird beim Keltern mit geringerem Druck gepresst.
Fast alle dieser Maßnahmen gehen auf Kosten der Ausbeute, aber zugunsten der Qualität. Außerdem sollte das Lesegut so gesund wie möglich sein, was in der Regel eine Selektion der Trauben im Weinberg erforderlich macht.

Winzer können oft auch auf Schönung verzichten, wenn sie dem Most Zeit zur Sedimentation lassen. Das erfordert eine gute Leseplanung.
Des Weiteren wird Wein bei der Lagerung im Fass immer klarer, das heißt die Schwebstoffe sedimentieren. Das braucht seine Zeit. Manchen Winzern fehlt diese Zeit, denn sie brauchen oder wollen den neuen Jahrgang im Frühjahr auf der Flasche haben, um ihn in den Verkauf zu bringen.

Daher gibt es seit einiger Zeit auch Eiweiße aus pflanzlicher Herkunft, die zur Weinschönung verwendet werden dürfen. Das sind zum Beispiel Erbsenproteine (Meinl, Das deutsche Weinmagazin, 4/2010, 32-33). In ihrer Wirkungsweise unterscheiden sie sich nicht von den tierischen Eiweißen.

Ist veganer Wein der bessere Wein? Kann man eine besondere Weinqualität erwarten?

 

Ich habe mich schon mit Winzern unterhalten, die im Prinzip längst vegane Weine produzieren, ohne das zu kommunizieren.
Das kommt daher, dass viele Winzer immer auf der Suche nach komplexeren Weinen und verbesserter Qualität sind. Sie stellen die aktuelle Praxis in Frage und gehen neue Wege. Wie oben beschrieben, kann der Weg zu veganem Wein auch gleichzeitig zur Steigerung von Qualität führen. Wenn man immer schonender verarbeitet und immer mehr „weglässt“, produziert man quasi im Nebeneffekt einen veganen Wein.

Die vermehrte Nachfrage nach veganem Wein führt jetzt dazu, dass dies zunehmend auch auf der Flasche gekennzeichnet wird.

Das absolute Grundprinzip der Weinbereitung ist und bleibt: Die Qualität entsteht im Weinberg. Im Keller kann sie nur erhalten, aber nicht verbessert werden. Das heißt, dass vegane Weine nicht unbedingt die besseren Weine sind, aber auf jeden Fall dazu gehören können.

Woran erkennt man vegane Weine?

 

Es gibt bisher keine europäische, einheitliche Regelung zur Kennzeichnung von veganen Weinen. Die Vegan Society und der Europäische Vegetarier Bund (vergeben vom Vegetarierbund Deutschland) bieten eine Zertifizierung an. Im Prinzip reicht aber der Hinweis „Vegan“ auf dem Etikett aus.

Label Vegan Society
The Vegan Society
Label Vegetarierbund Deutschland
Vegetarierbund Deutschland

Wo und wie findet man vegane Weine?

 

Am besten in der Öko-Ecke ;)

Da viele vegan lebende Menschen Wert auf Nachhaltigkeit legen, ist veganer Wein meist aus ökologischem Anbau. Und umgekehrt sind auch häufig ökologisch produzierende Winzer eher bereit, alternative Wege bei der Weinherstellung auszuprobieren, da sie diese Wege ja bereits gehen (mehr dazu demnächst).

Wie bereits gesagt stellen aber auch viele Weingüter vegane Weine her, ohne dies zu kennzeichnen. Da hilft nur Nachfragen beim Winzer deines Vertrauens!

Fazit

 

Die Reise in die Welt der veganen Weine ergibt:

  • Weine sind nicht immer vegan. Es dürfen tierische Produkte zur Klärung und Schönung eingesetzt werden.
  • Oft entstehen vegane Weine als „Nebeneffekt“ durch das Streben nach besserer Qualität.
  • Vegane Weine sind nicht unbedingt die besseren Weine, doch sie können auf jeden Fall dazu gehören.
  • Es gibt noch kein einheitliches, europäisches und geschütztes Siegel für vegane Weine.

 

Merke: Nicht nur Veganer dürfen vegane Weine trinken – und das ist gut so :)

Viel Freude beim Beschreiten neuer Wege und Prost!

 

 

Was hältst du von veganen Weinen?

Ein Kaufargument oder DAS Argument den Wein nicht zu kaufen?

Schreib mir jetzt in den Kommentaren!

Du bist neu hier und der Artikel hat dir gefallen? Du möchtest hier nichts mehr verpassen? Dann melde dich jetzt und hier für meinen Newsletter an und ich schicke dir zusätzlich mein eBook "Entdecke deinen Weingeschmack mit diesen 5 Geheimnissen"

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    vigneron (Donnerstag, 22 September 2016 18:41)

    Beim Streben nach Qualität kann man als Winzer durchaus auf dem veganen Weg landen.

    Streng betrachtet werden jedoch auch Trauben für vegane Weine mitsamt kleinen Tierchen aus dem Weinberg zu Wein weiterverarbeitet, obwohl der Leim für das Etikett der Weinflasche später nicht tierischen Ursprungs sein darf...

  • #2

    Elske Schönhals (Freitag, 23 September 2016 12:11)

    Hallo vigneron,

    darüber habe ich auch nachgedacht. Streng genommen dürfen nur handverlesene Trauben verwendet werden. Und: darf der Winzer bei der Traubenlese Lederschuhe tragen? Darf auf dem Weingut ein Hund leben?

    Die Definition lautet allerdings "… soweit wie möglich und praktisch durchführbar". Es geht hier um den prinzipiellen Ansatz.
    Ich fand die Aussage von Axel Schilling (derweinblog.de) sehr einleuchtend: "Wer Veganer auf den Erhalt von Marienkäfern reduziert, tut das, um sie belächeln".

    Das der Etikettenleim keine tierischen Inhaltsstoffe beinhalten darf stimmt. Das ist eine Entscheidung, die absolut im Rahmen des Möglichen liegt.

    Vielen Dank für die Anregung,

    Elske

  • #3

    Birgit Walkemeier (Sonntag, 16 Oktober 2016 21:09)

    Liebe Elske,

    sehr interessanter Artikel, der zum Nachdenken einlädt. Mich interessiert, wie wird die Schönung durchgeführt? Werden dabei Eiklar oder Gelatinepulver oder Erbsenproteine beim Großmarkt gekauft und dem Wein zugesetzt und später folgt eine Filterung?
    Deine Blogs sind echt super, ich hole gerade ein paar nach, wie Du merkst. Liebe Grüße, Birgit