Das Geschmacks-Geheimnis: Was du von einer Erdbeere über deinen Weingeschmack lernen kannst

Das Geschmacks-Geheimnis: Was du von einer Erdbeere über deinen Weingeschmack lernen kannst
goranmx/pixabay

Es ist Erdbeerzeit… hmmmm. Ich liebe Erdbeeren – vor allem selbst gepflückt und von der Hand direkt in den Mund. Diese herrliche Frucht hat nicht nur Aroma ohne Ende - mit ihrer Hilfe kannst du das Geheimnis deines persönlichen Weingeschmacks-Erlebnisses entdecken!

Geschmack ist vielfältig und komplex. Im Prinzip entsteht er an drei Orten...

 

in Mund, Nase und Gehirn.

Auf der Zunge zergehen lassen

 

Stell dir vor, du beißt in in eine frische, reife Erdbeere und lässt sie dir auf der Zunge zergehen. Dein Mund ist voller Erdbeere. Auf der Zunge werden deine Geschmacksrezeptoren angeregt. Dort schmeckst du süß, sauer, bitter und salzig.

 

Neben den Basis-Geschmacksrichtungen gibt es noch zwei weitere. Wir haben Rezeptoren für umami, was soviel wie fleischig und herzhaft, wohlschmeckend bedeutet. Vor kurzem wurden auch Rezeptoren für fettig entdeckt. Diese Geschmacksrichtung heißt oleogustus.


Zurück zur Erdbeere. Auf der Zunge schmeckst du nun die saftige Süße und die Säure der Erdbeere. Dazu kommt noch das Mundgefühl - die fleischige Konsistenz. Herrlich... mir läuft schon beim Schreiben das Wasser im Mund zusammen. 


Aber wie kommt es, dass wir viel mehr schmecken als das, was wir auf der Zunge wahrnehmen?

Von hinten durch die Brust ins Auge…

 

… oder besser: vom Mund, durch den Gaumen, in die Nase. Hilfe, Erdbeeren in der Nase?! Keine Sorge… es ist nur halb so schlimm :)
Beim Kauen und vor allem auch beim Schlucken wird in unserem Mund Luft zusammengedrückt und in unseren Nasenraum gewirbelt. Dort fangen unsere Geruchsrezeptoren die Aromastoffe auf und leiten sie ans Gehirn weiter. Das nennt man im Fachjargon olfaktorische Wahrnehmung.

 

Zurück zu unserer Erdbeere: Auf der Zunge schmecken wir nur süß, sauer, fleischig. Erdbeergeschmack kommt aber durch fast 360 Aromastoffe zustande, die beim Genuss in den Riechzellen unserer Nase landen. Ist das nicht der Wahnsinn?

 

Im Mund und in der Nase werden die Reize aufgenommen und zum Gehirn weitergeleitet. Dort entsteht das Gesamtbild in dem alles zusammengefügt wird. Die Reize, die damit verbunden Erfahrungen und Emotionen.

Dein Geschmackserlebnis entsteht im Gehirn

 

Stell dir jetzt vor, dass du noch nie eine Erdbeere gegessen hast und deine Geschmackseindrücke beschreiben willst. Das ist unglaublich schwierig! Dir fällt „rote Früchte“ ein. Oder du würdest das fleischige Gefühl auf der Zunge mit den kleinen rauen Nüsschen beschreiben. Du würdest Anknüpfungspunkte in deinem Wissensnetz suchen. Wenn du keinerlei Anknüpfungspunkte hast, würde es länger dauern. Falls du schon mal einen Erdbeerjoghurt gegessen hättest, ginge es schneller.

 

So funktioniert unser Gehirn.

Nachdem du einige Male Erdbeeren gegessen hast, kannst du schon am Duft erkennen, ob irgendwo in der Küche Erdbeeren stehen. Du wirst Erdbeeren untereinander geschmacklich unterscheiden können. Stichwort „Oh, diese hier schmeckt mir nicht so gut wie die anderen“. Und zusätzlich beginnst du Erlebnisse damit zu verknüpfen. Zum Beispiel „Die von letzter Woche waren aber leckerer. Diese hier schmecken so wässerig“.

Erdbeeren sind ein Teil von dir und deinem Wissensnetz geworden.

Und nun zu deinem Weingeschmack!

 

Kommt dir das so langsam bekannt vor? Du kannst dir sicherlich vorstellen, worauf ich hinaus will. Stell dir jetzt folgendes Szenario fürs Weintrinken vor.

Schmecken. Riechen. Assoziieren.

Völlig entmystifiziert. Ganz ohne Fachsimpelei. Du achtest nur auf deine Geschmackseindrücke und die Assoziationen, die dir beim Probieren und Trinken in den Sinn kommen. Easy peasy :)

Du hast den Wein im Glas und nimmst einen Schluck. Welche Bereiche auf der Zunge werden angesprochen?
Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen beim Probieren nur ein winziges Schlückchen Wein in den Mund nehmen und das dann in der Mitte der Zunge durch den Mund transportieren. Nimm einen großen Schluck und erlaube dir, ihn auf der gesamten Zunge zu spüren. Dadurch werden nicht nur die Rezeptoren für süß und salzig angesprochen, sondern auch die Rezeptoren für sauer und bitter an den Zungenrändern – trau dich!

Dann nimmst du die unterschiedlichsten Aromen wahr. Woran erinnert dich das? Je wilder assoziiert, desto besser! Erinnert es dich an eine bestimmte Situation? Super!

Du findest Anknüpfungspunkte und machst dich mit dem Wein bekannt. Schmeckt er dir? Noch besser ;)

Fazit

 

Weingeschmack ist kein Mysterium. Wenn du dir vorstellst, wie du eine Erdbeere probierst und genießt, wird eindeutig wie einfach der Mechanismus des Geschmacks aufgebaut ist. Beim Wein probieren passiert nichts anderes als beim Essen einer Erdbeere (ok.. außer, dass du nicht wirklich kaust):

  • Du schmeckst mit den Geschmacksrezeptoren auf der Zunge: süß, sauer, bitter, salzig, umami (wohlschmeckend) und oleogustus (fettig).
  • Olfaktorisch: Durch das Bewegen im Mund - sei es beim Kauen oder Schlürfen - und dem Schlucken kommt Luft aus dem Mund in die Nase, wo du die Aromen aus dem Wein wahrnehmen kannst.
  • Im Gehirn wird der Wein zu einem Erlebnis. Du verknüpfst deine Wahrnehmungen mit deinem Wissensnetz und schaffst dir deine eigenen Assoziationen.

Keine Assoziation ist falsch oder richtig. Sie sind völlig gleichwertig. Du hast alle Fähigkeiten, zu beurteilen, wie ein Wein schmeckt und ob er dir schmeckt!
So, jetzt raus aus der Theorie und… ran an die Gläser! Und nicht vergessen: Vertraue deinem Geschmack und deiner Intuition!

 

Wenn du Lust auf Erdbeeraroma im Weinglas hast, dann probiere es doch mal mit einen Spätburgunder Rotwein.

 

 

Hattest du schon mal ein besonderes Weingeschmacks-Erlebnis? Ich bin schon sehr gespannt darüber zu hören - schreib mir jetzt in den Kommentaren!

 

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Kommentare: 10
  • #1

    Winzer E. (Donnerstag, 19 Mai 2016 14:08)

    Grandios - wieder was gelernt! Das geb ich doch gerne weiter!
    Dann ist umami und oleogustus wohl verantwortlich für den Schmelz eines Weines? Fachfrau? Wäre mir jedenfalls einleuchtend.

    Und wenn der Spätburgunder gerade ausgetrunken ist, hätte ich den Tipp: FEINES FRÜCHTCHEN, ein Rosé! Geht auch gut mit Erdbeere: eine Secco oder Sekt Rosé!

  • #2

    Giulietta (Donnerstag, 19 Mai 2016 14:29)

    Ja, ich hatte irgendwann ein besonderes Erlebnis - ein Wein aus dem Jura wurde mir anlässlich eines Weinseminars kredenzt. Ich habe ihn mit allen Sinnen aufgenommen und sorgfältig, genussvoll gekostet und war anschließend selig einen Wein getrunken zu haben, der mich in jeder Hinsicht begeistert hat, was mir damals erstmalig passiert ist. Allerdings habe ich auch Wein aus Biebelnheim getrunken (dabei besonders einen Riesling), der mich restlos überzeugt hat. Ich bin keine Weißweintrinkerin, doch bei besonderen Weinen mache ich da gern schon mal eine Ausnahme...:-)) Danke für die stimmige Einführung "in meinen Geschmack", das war sehr bildhaft beschrieben und nachvollziehbar. Warte mit Spannung auf den nächsten Newsletter.

  • #3

    Elske Schönhals (Donnerstag, 19 Mai 2016 15:10)

    Hallo Winzer E.,

    du hast Recht: umami ist auch verantwortlich für den Schmelz des Weines, vor allem bei den Weinen die auf der Feinhefe lagen („sur lie“). Durch diese Lagerung autolysiert die Hefe und es entstehen Manoproteine. Die umani Rezeptoren nehmen diese wahr. Zusätzlich bleiben die Manoprotein an der Zunge „hängen", wodurch deren Rezeptoren länger gereizt werden. Somit verstärkt sich das Mundgefühl ("mouthfeeling"). Alles klar?
    Für den oleogustus vermute ich reichts für den Wein nicht, da der ja 100% low fat ist ;)

    Da Winzer E. sich nicht geoutet hat, tue ich das jetzt falls jemand Lust auf ein FEINES FRÜCHTCHEN bekommen haben sollte: www.weingut-schoenhals.de

  • #4

    Elske Schönhals (Donnerstag, 19 Mai 2016 15:13)

    Liebe Giulietta,
    ich freue mich sehr zu hören, dass dich ein Wein so begeistert hat! Den hätte ich liebend gerne auch probiert. Herzlichen Gruß,
    Elske

  • #5

    Rolf Cordes (Donnerstag, 19 Mai 2016 15:42)

    Hallo Elske,
    also .... was soll ich sagen, .... schreiben natürlich?

    Ganz große Klasse, erfrischend, klar, animierend.... es macht großen Spaß deine Artikel zu lesen!
    Ein ganz feine und unterhaltsame Feder ... ;-)

    Liebe Grüße

  • #6

    Elske Schönhals (Donnerstag, 19 Mai 2016 20:12)

    Hallo Rolf,
    vielen Dank für das Kompliment. Genau das ist meine Absicht :)
    Viele Grüße,
    Elske

  • #7

    Silke (Montag, 23 Mai 2016 19:59)

    Hallo Elske,

    vielen Dank für den, mal wieder, super interessant und klasse geschrieben Blog-Eintrag! Nur leider muss die Praxis noch etwas warten bis nach dem Stillen. Ich habe zwar letztes Wochenende alkoholfrei Weine probiert, aber z.Z. schmeckt mir der Weingeschmack an sich einfach nicht. Ich denke mal hormonelle bedingt. Aber bei meiner nächsten Erdbeere denke ich bestimmt an dich!

    Liebe Grüße

  • #8

    Brigitta T-W (Dienstag, 24 Mai 2016 14:43)

    Hallo Elske, wie alle Beiträge, sehr erfrischend, das paßt ja zur Erdbeere. Auch ich liebe diese Frucht über alles. Beim lesen lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich lief gleich los und kaufte 1,5 kg von dieser Frucht. Auch der Vorschlag von Winzer E. einen Rosé dazu kann ich mir gut vorstellen. Der Vergleich zum Wein ist bestechend. Beim Weinerlebnis muß ich auf meinen Lieblingswein Safira zurückkommen. Seitdem ich erlebte wo er gedeiht, wie er gepflegt wird, trinke ich ihn fast mit Ehrfurcht.
    Elske, weiter so. Liebe Grüße Brigitta

  • #9

    Elske Schönhals (Mittwoch, 25 Mai 2016 11:06)

    Liebe Silke,
    ich bin der Überzeugung, dass alkoholfreie Weine einfach nie schmecken! Da würde ich es in der Zwischenzeit mit einem Alternativgetränk probieren. Es gibt ja auch richtig hochwertige Traubensäfte bei den Weingütern. Wenn die Zeit gekommen ist würde ich wieder ECHTEN Wein trinken :)
    Viele Grüße,
    Elske

  • #10

    Elske Schönhals (Mittwoch, 25 Mai 2016 11:08)

    Hallo Brigitta,
    hmmmm... das klingt sehr lecker!
    Guten Appetit und zum Wohl,
    Elske