Winzerlatein: Wie schafft es ein flüssiges Medium sich zu ENTFALTEN?

Winzerlatein: Wie schafft es ein flüssige Medium sich zu entfalten?

Es ist ein lauer Frühlingsabend. Die schönen, bauchigen Weingläser stehen vor euch auf dem Tisch. Dein Gegenüber hält eine Weinflasche in der Hand. Sie sieht nicht besonders auffällig aus. Ihr öffnet die Flasche und schenkt euch ein... oh... das heißt... NEIN... huch?

 

Der Wein läuft nicht aus der Flasche.


Ihr schaut euch verwundert an. Du spähst in den Flaschenhals. „Das glaubst du nicht. Da ist so was wie ein Papier in der Flasche!“ Mit vereinten Kräften schafft ihr es, das geknickte Papier aus der Flasche zu ziehen. Es ist dunkelrot und erinnert farblich an den Wein, den ihr trinken wolltet.

AHAaaaa! Jetzt fällt es euch wie Schuppen von den Augen: Der Wein muss sich erst noch ENTFALTEN, bevor ihr ihn trinken könnt!

Was passiert denn eigentlich genau beim Entfalten?

 

Es ist ein schönes Bild, das man intuitiv erfassen kann. Etwas ist verschlossen und öffnet sich dann. Wie beispielsweise eine Blume. Kurz nach dem Öffnen sind die Blütenblätter noch etwas zerknautscht. Nach kurzer Zeit entfalten sie sich und die Blume zeigt sich in ihrer vollen Pracht.

 

Du kannst dir das so vorstellen: Der Wein wartet seit langem in einer Flasche darauf, dass der Weingenießer bzw. die Weingenießerin ihn aus seinem eingezwängten Dasein erlöst. Je nach Verschlussart ist er mehr oder weniger luftdicht abgeschlossen.

 

Jetzt öffnest du die Flasche und schenkst dir ein. Beim Einschenken wird der Wein belüftet und der Sauerstoff in der Umgebungsluft reagiert mit den Weinaromen und -inhaltsstoffen. Durch diese Mini-Oxidation gibt der Wein sein Aroma preis. Im Weinglas darf er sich dann auch erst mal weiter „recken und strecken“, damit du ihn in voller Blüte genießen kannst.

Woran erkenne ich ob sich ein Wein noch entfalten muss?

 

„Soweit, so gut“, denkst du jetzt vielleicht. „Aber woran erkenne ich denn überhaupt, ob sich ein Wein noch entfalten muss?“ GUTE FRAGE! Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Über den Geschmack!

Möglichkeit 1: Du schenkst dir den Wein ein und das Aroma scheint dir förmlich entgegenzuspringen. Du nimmst einen Schluck und dein Wein wirkt wie ein harmonisches Gesamtwerk. WUNDERBAR! Du brauchst weiter nichts zu tun, als dich zurückzulehnen und ihn zu genießen.

Möglichkeit 2: Du probierst den Wein und irgendwie schmeckt er nicht so toll, wie du gehofft hattest. Er wirkt vielleicht etwas zu sauer oder es scheint, als wären die Geschmackseindrücke nicht über die ganze Zunge verteilt. Dann ist es wahrscheinlich, dass er sich noch etwas entfalten muss. Rotweine sind da eher Kandidaten als Weißweine. Aber verlasse dich ganz auf deine eigene Intuition – du bist der Herr bzw. die Herrin über deine Geschmackseindrücke!

Wie kann ich das Entfalten unterstützen?

 

Jetzt hast du also einen Wein, der sich noch entwickeln muss. Es ist fast zu banal zu sagen: Wenn du weißt, dass ein Wein noch ein wenig Luftkontakt braucht, dann ergibt es Sinn, ihn frühzeitig zu öffnen. Natürlich weiß man es in der Regel erst NACH dem Öffnen... Und dann willst du ihn ja trinken! Es gibt aber ein paar Kniffe den Wein beim Entfalten zu unterstützen.

Vorher öffnen. Die geöffnete Flasche lässt du einige Zeit offen stehen. Dadurch bekommt der Wein schon mal ein wenig Sauerstoffkontakt. Eine halbe Stunde ist super, manche Weine können auch ruhig eine Stunde offen stehen bleiben – gerade die Rotweine.

Einschenken und das Glas eine Zeit lang stehen lassen. Vielleicht könnt ihr eure Weinlust noch ein bisschen zügeln. Im Glas ist die Oberfläche vom Wein größer als in der Flasche und mehr Wein ist mit der Luft in Kontakt, was den Prozess beschleunigt. Die langsame Erwärmung des Weines unterstützt die Entfaltung auch etwas.

Bei Weinen, die sich so gar nicht in ihrem vollen Glanz zeigen wollen, hilft das Belüften über eine Karaffe. Dekantierkaraffen haben einen flachen, breiten Boden, die dem Wein eine große Kontaktfläche mit Sauerstoff geben. Für Rotweine, die im kleinen Eichenholzfass (im Barrique) ausgebaut wurden, ist das oft sinnvoll.


Wenn es mal schnell gehen soll oder du dir nicht sicher bist: Verschließe dein Glas mit der Hand und schüttele einmal beherzt. Wenn dein Wein danach besser schmeckt hast du das Problem wahrscheinlich gelöst. Falls er dir immer noch nicht zusagt... dann entspricht er vielleicht einfach nicht deinem Weingeschmack.

Fazit

Weine brauchen nach der Zeit in der Flasche einen Moment, um „durchzuatmen“ bzw. sich zu entfalten. Bei den einen geht es schneller, die anderen brauchen länger. Du kannst den Prozess unterstützen, indem du den Wein

  • nicht erst direkt vor dem Trinken, sondern schon ein oder zwei Stunden früher öffnest,
  • eingeschenkt im Glas ein wenig stehen lässt oder
  • karaffierst, was besonders bei Rotweinen, die im Barrique ausgebaut wurden, sinnvoll sein kann.

Und das Allerwichtigste: Vertraue deinem Geschmack und deiner Intuition!


Hast du noch Fragen zum Entfalten von Wein? Gibt es Begriffe zum Thema Wein, die du besonders seltsam und irgendwie lustig findest? Schreib mir jetzt in den Kommentaren!

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Margriet (Samstag, 07 Mai 2016 08:54)

    hmm, und dann genießen!

    Dank

  • #2

    Gitta (Samstag, 07 Mai 2016 18:15)

    Interessant finde ich, dass auch Weißwein atmen soll oder kann. Das war mir bisher nicht bewußt. Aber ich werde es ausprobieren.

  • #3

    Elske Schönhals (Montag, 09 Mai 2016 10:43)

    Hallo Gitta, ja... auch Weißwein braucht oft ein wenig Luft. Eher die jungen und "kräftigen" Weine. Viel Freude beim Experimentieren!

  • #4

    Winzer E. (Dienstag, 10 Mai 2016 13:27)

    Probiers mal mit dem Saphira, Gitta!
    Aber blooos nicht schütteln - das gilt höchstens für Rotweine die noch zuviel Gär-Kohlensäure in sich haben.
    Das Problem mit dem ENTFALTEN ist ja weit verbreitet: z.B. auch morgens - vorm Frühstück :-)

  • #5

    Elske Schönhals (Freitag, 13 Mai 2016 09:55)

    Hallo Winzer E., danke für die Anmerkung. Ich habe schon faszinierende Erfahrungen mit dem beherzten Schütteln gemacht - vor ein paar Tagen auch schon passiert bei einem Gläschen Spätburgunder vom Weingut Schönhals :) Um es noch mal zu spezifizieren: Ich lege die Hand aufs Glas und schüttele EIN Mal. Beim zweiten Glas hat sich der Wein ja dann oft schon genügend entwickelt.
    Ausprobieren schadet nicht - und zur Not ist ja noch genügend Wein in der Flasche!

  • #6

    Renate HD (Mittwoch, 18 Mai 2016 07:55)

    Danke, witzig und informativ. Macht Lust auf mehr ... lesen und Wein.

  • #7

    Elske Schönhals (Mittwoch, 18 Mai 2016 09:09)

    Liebe Renate, danke für das Kompliment und noch viel Freude beim Wein entdecken!